Die Windvoraussagen für heute sind günstig und wir legen für unsere Verhältnisse früh gegen 10 Uhr ab. Erst geht es wieder über eine Stunde durch den Danziger Hafen um dann die Danziger Bucht mit einem guten Wind aus west nord-west zu durchfahren. Schon auf halber Strecke dreht der Wind wie blöde und wir fast auch, durch. Wir kreuzen nachdem sich der Wind auf Nord festgelegt hat. Wir sind leider gezwungen weit auf die Ostsee raus zu fahren damit wir um das russische Seegebiet in der Höhe von Kaliningrad vorbei kommen. Gerade als wir anscheinend etwas näher darauf zu kommen, sehen wir ein Schiff, von dem wir nicht wissen ob es ein Patrouillenboot ist. Auf jeden Fall fährt es unseren Kurs in großem Abstand mit, also kreuzen wir weiter. Ich ärgere mich ein wenig über den doch offensichtlich freien Seeraum den wir umfahren müssen, aber es nutzt nichts. Später mit nur mageren 5-8 Knoten Wind ziehen wir dahin und vorbei an einem endlos langen Strand. Als der Wind uns gegen 22 Uhr ganz im Stich lässt Motoren wir weiter. Die Ostsee wird platter und platter und wir sind auch geplättet, so haben wir sie noch nie gesehen. Wieder abwechselnd gönnen wir uns eine Mütze Schlaf. In meiner Wache begleiten mich einige Fischerboote und Steuerbord voraus entdecke ich ein undefinierbares schwimmendes etwas. Meine Fantasie kennt keine Grenzen bis ich sehe, das Ding kommt immer näher, geht vorm Bug durch und kann dann als losgelöste Riesen Boje erkannt werden, nicht auszudenken wenn wir da drauf gefahren wären bzw. eine Gefahr für jedes Kunststoffboot. Robert kommt gerade rauf und ist auch entsetzt über den Anblick dieses rostigen Monsters.
Rostmonster - Eine lose Boje...

Rostmonster – Eine lose Boje…

Irgendwann am frühen Morgen können wir dann endlich wieder Segel setzen. Kurz vor Klaipeda will ich mir dann unter Motor noch ein Rennen mit einem niederländischen Baggerschiff liefern. Erst mein mich ermahnender Skipper macht mir die doch für uns immer brenzliger werdende Situation klar, da das Baggerschiff immer mehr auf unseren Kurs drängt. Okay, wieder was gelernt. Wir fahren über die See-Flussgrenze, die sehr schön wahrzunehmen ist und schon sind wir im Hafen der recht weitläufig ist. Beim Klarmachen der Festmacher und Fender vernehme ich dann ein Rufen ich erblicke zwei Männer auf dem Kai die mir bedeuten zu ihnen zu fahren, schnell stellen sie sich als Coastguards heraus. Ich brauche gar nicht fest zu machen, da sie mich freundlich auf Zuruf nur fragen woher, wie viel Leute an Bord und welche Nationalität. Sie helfen mir lächelnd als mir nicht auf Anhieb einfällt von wo wir kommen. Schließlich ist es ja auch ca. 30 Std. her und mein Kopf ist eigentlich nur noch auf Schlafen programmiert. Sie klären mich dann wieder sehr freundlich darüber auf, dass wir uns bei ihnen auf Kanal 76 hätten melden müssen, ich nicke eifrig. Erst später fällt uns ein, dass weit vor dem Hafen ein sail vessel auf Kanal 16 gerufen wurde. Allerdings haben wir uns nicht angesprochen gefühlt, da keine näheren Angaben kamen. Auch das nicht mehr wissen welches der letzte Hafen war, wurde bei uns zu einem running gag. Die Marina Klaipeda ist dann voll und wir liegen mit einigen anderen Schiffen davor in einem Fluss. Der Hafenmeister ist mit uns und den anderen Skippern offensichtlich total überfordert. Er schafft es einfach nicht uns die Stromkarte zu erklären und uns in den Computer einzuchecken. Auch weiß er auf die meisten Fragen keine Antwort.Trotz vieler Fender drückt uns in der Nacht der Schwell der kleinen durchfahrenden Schiffe immer wieder mit dem Bugsprit an die Kaimauer. Mehrmals in der Nacht stehe ich auf um neu abzufendern, es nützt nichts. Der neue Hafenmeister am Morgen, ein quirliges Männchen, versucht einen Platz im Hafen für uns möglich zu machen, da wir ihm offeriert haben dann mehrere Tage zu bleiben. Kaum besprochen eilt er auf uns zu mit der frohen Botschaft wir können bei der nächsten stündlichen Brückenöffnung um 11 bis 11:15 Uhr in den Hafen. Ich soll mir den Platz mal anschauen. Er hilft mir galant vom Schiff und entschuldigt sich ständig bei mir für die Umstände und das wir keine Leiter bekommen haben. Wie Leiter? Gesagt getan, der Platz ist prima. Beim Zurückkommen bemerke ich mehrere, an der Kaimauer angebrachte massive Holzleitern, zu den dort außer uns noch liegenden Schiffen. Hier ist alles darauf eingerichtet, dass man auch links und rechts in dem Fluss liegen kann, mit Strom und Wasseranschluss allerdings im Schwell. Der neue Hafenmeister entschuldigt sich auch für die gestrigen Umstände, da wird uns klar, dass er nur schlecht vertreten wurde. Er ist sehr freundlich und bemüht auch den Neuankömmlingen alle wichtigen Infos zu geben, er redet ohne Unterbrechung, Fragen erübrigen sich, da er sie meist schon von sich aus anspricht.Erst bei der Einfahrt in den Hafen bemerken wir die kleine Fußgängerbrücke, die von 2 Männern von Hand gedreht wird und dann konzentrieren wir uns auf das Anlegen in dem engen Hafen. Robert dreht die Malu wieder wie auf einem Teller und wir machen möglichst platzsparend, die Hilfe vom Hafenmeister ablehnend, an einem Längsteg fest. Es bleibt noch Platz für ein kleineres Segelboot, welches wir auch schon in Kolberg und Danzig gesehen haben. Ein Mann begrüßt mich freundlich von der Kaimauer und erst später realisiere ich, dass es der Segler aus Kolberg ist, der mich auf unseren Brasseltag angesprochen hat. Im Büro des Hafenmeisters dann handele ich, nachdem ich weiß eine Nacht kostet 20 Euro, einen Rabatt für die erste Nacht im Fluss aus. Jetzt wird mir auch die Nutzung der Stromkarte vernünftig erklärt.

Iris' neuer Mantel

Iris’ neuer Mantel

Wir starten zu einem ersten Erkundungsgang in die Stadt. Teils Altstadt teils Neustadt und sehr groß. In einer Fußgängerzone, die dicht an dicht mit Außengastronomie belegt ist, machen wir Rast. Es gibt viel zu Sehen, hübsche Frauen auf Highheels stöckeln über den Platz. Viele junge Mütter mit ihren Kinderwagen und als Kontrast die jungen Männer mit ihren Boddybuilding gestylten massigen Körpern.

Detail in der Füßgängerzone

Fußgängerzone – Detail

Entspannt in Klaipeda

Entspannt in Klaipeda

Am Schiff zurück spricht uns ein Schweizer an den wir auch schon vom Sehen aus den vorherigen Häfen kennen. Er ist mit einem Motorschiff Shangri La, unter niederländischer Flagge unterwegs, damit er nicht in jedem Land ein- und ausklarieren muss. Seine Einladung, abends auf sein Schiff zu kommen, nehmen wir gerne an. Als wir uns dann am Abend auf den Weg zum Fluss zur Shangri La machen sehen wir, das gerade Marina und Uli angekommen sind. Wir begrüßen sie nur kurz weil wir ja aus eigener Erfahrung wissen, dass sie jetzt erstmal nach dem langen Törn schlafen wollen. Unser Gastgeber stellt sich als Roland und seine Partnerin Hannelore eine Deutsche vor. Das Schiff ist für mich der reinste Luxus. Eine riesige Außenterrasse, ein großer Salon mit mehreren Sitzecken einschließlich Plasma Fernseher und zwei Fernsehsesseln, Waschmaschine und Kühltruhe. Die etwas andere Art zu reisen. Wir verbringen einen vergnüglichen Abend mit den Beiden und Ihren jeweiligen Lebensgeschichten und dem leckeren von Roland selbst gemachten Orangenlikör. Roland gibt uns auch eine Menge Tipps da er schon oft die Strecke gefahren ist, die noch vor uns liegt. Er will diesmal in die Kanäle im finnischen Suomi Land.

Das Postamt

Das Postamt

Den nächsten Tag verbringen wir mit Päckchen packen. Eines für Ursel und ein etwas größeres Paket mit unserem defekten Batterieladegerät. Mit unseren Rädchen fahren wir dann zum Postamt, welches sehr sehenswert ist. Kronleuchter, Wandleuchten und viele Schnitzereien. Alleine schon die massive hölzerne Eingangstür kann nur mit erheblichem Kraftaufwand geöffnet werden.

Paketaufgabe

Paketaufgabe

Denkmal im Skulpturenpark

Denkmal – Skulpturenpark

Danach geht es in den Skulpturenpark, der sehr schön angelegt ist und jede Menge kunstvolle Steinskulpturen beinhaltet. Auch ist hier ein monumentales Kriegsdenkmal erbaut worden.

Wir setzen unseren Weg fort um zu einem großen Einkaufszentrum zu gelangen, da entdeckt Robert eine schöne kleine Gasse mit Gastronomie und wir beschließen spontan hier mal etwas typisch, litauisches zu essen.

Schöne Gasse

Schöne Gasse

Für mich wird es eine warme rote Beete Suppe und für Robert gefüllte Klöße in viel Butter gebraten. Sehr, sehr lecker. Jetzt sind wir gestärkt für unsere Einkaufstour. Wir bestaunen noch die Marktstände mit den vielen Handarbeitssachen und ich kann dann in der Markthalle tolle Wurst kaufen. Das Einkaufszentrum inklusive Indoor Eislaufbahn, etwas außerhalb gelegen, wird dann auch noch geentert und mit vollen Packtaschen kehren wir zurück.Mit Marina und Uli machen wir dann am nächsten Tag einen Ausflug mit den Rädern zur und über die kurische Nehrung. Den folgenden Text habe ich von Marina, die sich sehr über die jeweiligen Ausflugsziele informiert, aus deren Reisebericht kopiert:

Die Nehrung ist vor ca. 7000 Jahren entstanden, rund 100 km lang und ca. 1 km, an der schmalsten Stelle nur 400 m breit. In Nida, der einstigen Künstlerkolonie „ Nidden „ besuchen wir (Marina und Uli) das Sommerhaus von Thomas Mann, in dem er mit seiner Familie drei Jahre von 1930 bis 1932 verbrachte, bevor sie aus Deutschland emigrierten. Die hübschen alten kurischen Fischerhäuschen, viele davon im typischen Niddener Blau gestrichen, haben in Ihren gepflegten Blumengärten noch einen Kuhrenkahnwimpel stehen. Im 19.Jh. mussten alle Fischer auf Beschluss der Königsberger Regierung solche Wimpel auf ihren Kähnen fahren, damit diese Überfischung und unerlaubte Fangmethoden kontrollieren konnten. Diese Wimpel wurden dann von den Fischern an langen Winterabenden geschnitzt. Die Motive waren Elche, Häuser, Kirchen, Wasser, Dünen, ein Leuchtturm oder die Sonne. Jeder Ort hatte andere Symbole.

 

Öh - ja?

Öh – jaaa?


Um 9 Uhr sind wir alle mit unseren Fahrrädern ausgerüstet und setzen mit der Fähre über den Fluss. Drüben angekommen wollen wir mit dem Bus einen Teil der Strecke (50 km) fahren und den anderen Teil mit unseren Klapprädern. Was dann nicht kommt ist der Bus. Wir lehnen das teure Angebot eines Taxifahrers ab und fahren stattdessen los. Es geht durch den Wald auf einem schönen Fahrradweg zur Düne und dann immer weiter an dieser entlang. Eine Straße ist weit und breit nicht mehr zu sehen und somit schwindet auch die Chance einen späteren Bus zu erwischen. Also radeln wir Kilometer um Kilometer mit ein paar kleinen Pausen. Bald schon wissen wir nicht mehr, wie wir auf unseren Rädern sitzen sollen. In Nida angekommen besichtigen Marina und Uli das Sommerferienhaus von Thomas Mann und wir halten Einkehr in einem kleinen Restaurant. Dann noch gemeinsam zur großen Sonnenuhr und der Wanderdüne. Zurück dürfen wir dann mit unseren Rädern in den Bus und trotz holpriger Straßen fallen uns die Augen zu.
Landratten

Heute mal “Landratten”

Und noch ein Denkmal

Und noch ein Denkmal

Große Pause

Große Pause?

Holzskulptur

Holzskulptur

Will nicht mehr

Ich glaub’, der will nicht mehr…

Für den nächsten Tag habe ich mir die Steuererklärung vorgenommen und damit ich auch ein Ende finde, abends Marina und Uli zum Saumagen essen eingeladen. Uli steuert seine hervorragenden Bratkartoffeln dazu bei und so stehen wir beide bei uns am Herd, er mit den Bratkartoffeln und ich mit dem Saumagen. Wie heißt es so schön: „Platz ist in der kleinsten Küche“. Später kommt noch Jörg von der „ Caddy“ vorbei. Ein Berliner mit Segelschule, der im Sommer Rund Ostsee Törns anbietet. Es wird viel erzählt und gelacht.

Bratkartoffelparty

Bratkartoffelparty