27September

Richtung England – 27.09.

bootsmann 09 - September » 2012

In der Nacht geht unser Wasseralarm im Klo los, Robert sprintet los, es war aber zum Glück nur ein Tröpfchen an den Sensor gekommen. Er stellt bei einem Blick aus dem Fenster fest, dass wir hier im Hafen ca. 6 m Tiedenhub haben und ist fasziniert. Kurz darauf geht das Geklapper mit Kisten oben auf dem Kai bei einem Fischhändler los, ich greife zu den Ohropax und kann dann noch bis 9 Uhr Schlafen. Gerade als ich Tagebuch schreibe, kommt der Hafenmeister längsseits. Zack 25,- Euro für die Nacht. Oh man, muss das denn immer, für so ein paar Stunden am Steg hängen, so teuer sein. Na wenigstens haben wir Internet und Strom ist auch inklusive. Wir rüsten uns für eine längere Tour aus und um 15 Uhr verlassen wir, nachdem uns die drei Pfeile Ampel grünes Licht zeigt, den Hafen. Mit Groß und Genua kommen wir auch gut voran, immer schön an der Küste lang im betonnten Fahrwasser. Auf der Höhe von Dünnkirchen haben wir wieder den penetranten Gestank, wie schon vor drei Jahren, in der Nase. Es ist wirklich ekelhaft und wir können uns gar nicht vorstellen, dass dort Menschen leben.
Gegen 21 Uhr verlässt uns der Strom mit und statt dessen haben wir Strom gegen an. Die Welle wird wieder höher und wir kommen nur mit Dino und Vollzeug dagegen an. Es sind zwischen 0,9 und 2,4 Knoten auf der Logge. Ich lege mich mal für ne Stunde hin, da mir die Schaukelei doch ziemlich zu schaffen macht. Robert fühlt sich fit und lässt das Ruder nicht aus der Hand. Als ich aufgestanden bin, zuckeln wir immer noch langsam an der Küste vorbei. Ich mach Robert ne Pizza warm, mir ist nicht nach Essen. Gegen 2 Uhr ist mir dann so kodderig, dass ich mich noch mal hinlege, an Schlaf ist nicht zu denken, da die Malu immer wieder hart in die Welle schlägt. Aber das ist noch zu toppen, nachdem ich im Bett das Gefühl habe ich liege auf einem Trampolin, reiß ich mich zusammen und steh auf. Eigentlich will ich ja gar nicht, da in der wagerechten diese irre Schaukelei ganz gut auszuhalten ist. Mein Versuch in die drei Lagen Klamotten zu steigen geht dann, dank ausgeklügeltem System, auch ohne blaue Flecken von statten. Es ist 4 Uhr und Robert kämpft tapfer am Ruder, er hat es zwischendurch mal mit Hein versucht, aber der schafft es nicht das Boot zu steuern. Immer noch haben wir Strömung gegen an. Ich übernehme das Ruder und Robert döst kurz im Steuerstand ein. Erst als wir auf der Höhe von Calais sind, ist die Strömung wieder mit uns. Wir beobachten, dank AIS, die vielen aus Calais ausfahrenden Fähren und Schiffe und kommen gut zwischen ihnen durch. Im Morgengrauen, kurz vor dem Cap Griz Nez, müssen wir noch mal auf den anderen Bug, um einem Flach auszuweichen.
AIS sei Dank durch den Kanal

Es ist schon hell, die Welle und der Wind sind einigermaßen moderat, wir haben die englische Küste vor Augen und wir sind auf dem richtigen Bug, da liegt es förmlich nah, genau jetzt den Sprung durch das VTG zu machen. Also bleib ich nach der Wende am Ruder und wir steuern Richtung England. Die Sonne scheint, der Wind geht auf bis zu 12 Knoten zurück und Robert macht das Reff aus dem Groß da ich mich beklage ansonsten nicht zügig durch das VTG zu kommen. Als ich ein Wolkenband herannahen sehe, schöpfe ich Hoffnung auf mehr Wind und der kommt dann auch, wieder mit einer tollen Welle. Wir fliegen mit über 7 Knoten dahin. Es sind kaum Schiffe augenscheinlich auszumachen, aber das trügt, laut AIS sehen wir eine Armada, immer zwei Schiffe nebeneinander und das dreimal hintereinander unseren Weg kreuzen, das wird spannend. Wir besprechen kurz, was wir für Manöver machen bevor es knapp wird und Robert übernimmt das Ruder, da er in dieser Situation die Entfernung der Schiffe besser abschätzen kann. Ich konzentriere mich auf das AIS und beobachte die Schiffe, die erst spät mit dem Auge auszumachen sind. Vor uns liegt noch ein Flach, das wir auf jeden Fall queren wollen, da wir ansonsten ein großes Stück wieder abfallen müssen.

Erst ist das auch kein Problem für uns, da die Mindesttiefe 4,10 m beträgt und die Welle geschätzt 1 m ist, aber je näher wir kommen, steigt die Welle an und der Wind nimmt zu. Die Spannung steigt, wir sind beide auf der Hut und hoffen das Beste. Es geht alles gut, wir kommen gut über das Flach und können uns jetzt auf die Armada konzentrieren. Wir halten unseren Kurs und die ersten beiden Schiffe gehen gut vor uns durch. Das zweite Paket ist dann schon eng, aber gerade noch rechtzeitig dreht einer der beiden ein wenig ab, so das er hinter uns durchgeht. Der Nächste jedoch, etwas versetzt hinter dem Anderen, macht uns Sorgen, da er genau unsere Bahn kreuzt. Wir sehen, dass wir es vor ihm nicht schaffen und Robert steuert mehr in den Wind um Geschwindigkeit aus dem Schiff zu nehmen. Anstatt das der Frachter seinen Kurs hält, dreht er immer mehr vor uns weg, aber dadurch rutscht er nicht vor uns durch. Ich feuere ihn an aber es nützt nichts, es dauert ewig bis er vor uns durch ist und Robert wieder abfallen kann. Bevor nun das nächste zweier Paket kommt, schaffen wir es aus dem VTG. Geschafft, es war aufregend aber nicht gefährlich, da auch die Steuermänner auf den Schiffen offensichtlich bemüht sind den Segler heile passieren zu lassen und mit ihren riesen Pötten auch durchaus, mit einer kleinen Kursänderung, uns den nötigen Freiraum zum Passieren lassen. Wir sind sehr erleichtert. Allerdings setzen wir erst jetzt um, dass wir vermutlich nicht bis Newhaven kommen da wir den Wind genau gegen an haben.

Robert steckt den Kurs neu ab indem wir erstmal tief in die Bucht zwischen Dungeness und Folkstone fahren, in der es leider keinen tidenfreien Hafen gibt. Nach der Wende ist uns klar, wir schaffen es nicht bei diesen Bedingungen durch Kreuzen weiter runter an der englischen Küste zu kommen. Also Kurs auf Vorwind und ab nach Dover. Der Kurs ist schwer zu halten und Robert startet wieder seine atemberaubende Akrobatik, indem er die Genua ausbaumt. Ich kann fast gar nicht hinsehen, aber ich muss ja um ihn, indem ich den Kurs an seine Akrobatik anpasse, das Ausbaumen leichter und gefahrloser zu machen. Immer wieder haut mich die Welle aus dem Kurs und Robert balanciert mit dem unhandlichen Spiebaum auf dem Vordeck. es ist Angst erregend dies mit Anzusehen, aber nicht zu ändern. Er schafft es dann irgendwie und wir fliegen Richtung Dover. Ein erneutes Wolkenband beschert uns dann die 6-7 Bft. und eine beachtliche Welle. Kurz vor Dover übernimmt Robert das Ruder, da schon abzusehen ist, dass die Ansteuerung schwierig wird. Die Genua ist eingerollt und wir haben nur noch das gereffte Groß als Stützsegel stehen um dann mit Motorkraft und dem Stützsegel einzulaufen. Was Robert mir erst später sagt ist, das unter den Bedingungen die gerade herrschen, sich eine starke Welle vor dem Hafen auftut. Die Anspannung steigt, je näher wir der Hafeneinfahrt kommen, sie sieht zwar breit aus, aber für uns ist sie auf einmal ziemlich schmal. Es sieht so aus, als wenn wir es nicht schaffen, da uns die extreme Welle und die Strömung quer zur Einfahrt, eben an dieser vorbei schiebt. Nun muss Dino extrem ran.

Volle Pulle gegen an, gerade als wir meinen einen guten Absprung zu schaffen, packt uns eine hohe Welle von der Seite und wir haben das Gefühl, die Malu kippt um. Robert flucht und kämpft weiter. Zentimeter für Zentimeter kämpft er sich wieder hoch, immer noch fast quer zur Einfahrt. Die Anspannung ist riesig, ich mache mir Luft indem ich die Malu anfeuere. Das geschützte Hafenbecken liegt zum Greifen nah vor uns, ein Schiffchen tuckert darin herum und wir können es nicht erreichen. Es ist ein Kampf. Gefühlt eine Ewigkeit, da schlüpfen wir rein ins sichere Becken und mir kommen die Tränen vor Erleichterung. Das war eine Nerven zerreißende Situation. Wir machen fest in der Marina Dover im Granville Dock auf Platz 129, wie uns die Dame per Funkanfrage auf Kanal 18 zuweist. Erschöpft aber glücklich, dass wir endlich England erreicht haben, wird kurz das Nötigste an Salzwasser im Cockpit entfernt und wir fallen ins Bett. Um 18.30 Uhr werde ich wach. Ich springe in die Klamotten und gehe los um uns anzumelden. Am Tor finde ich einen Zettel mit den Öffnungszeiten des Harbouroffice vor der mich jedoch stutzen lässt, da ich ihm nur die Pausenzeiten entnehmen kann. Später stellt sich heraus, dass dies die Zeiten der Gastronomie waren.

Am nächsten Morgen zahlen wir die Zeche 27,60 Euro für 12m, lassen uns das aktuelle Wetter geben und laufen am Nachmittag mit dem Hochwasser aus, mit Ziel Newhaven